Rennsteig (2022)

Unterwegs auf dem bekanntesten deutschen Wanderweg im Thüringer Wald: zwei Drei-Tage-Touren und eine Zwei-Tage-Tour mit insgesamt 5 Winterübernachtungen.

Der Rennsteig

000 km – Hörschel – 05.02.2022

Im Januar 2022 begann ich ein größeres Wanderprojekt vorzubereiten. Meine letzte große Radtour auf dem Lutherweg war auch stellenweise eher eine Wandertour und damals beschloss ich, vielleicht das Fahrrad ab und zu stehen zu lassen. Anfangs war der Plan den gesamten Rennsteig in sechs Etappen zu laufen. Da ich bereits in meinem Februar-Urlaub beginnen wollte, gab ich den Plan zugunsten kleinerer Wandertouren entlang des Wanderweges auf und wollte erstmal mit einer Dreitageswanderung beginnen.

Vorsichtshalber machte ich am 04.02.2022 eine Kurzreise (Tagestour) nach Eisenach, um von der Wartburg mal nach Süden über die Berge zu gucken. Dort war nirgendwo Schnee zu sehen, so beschloss ich, nun ohne Schneeausrüstung loszufahren und einfach soweit zu laufen, bis es zu hohen Schnee gibt. Da ich eh nicht der Kilometerjäger bin und gern eine Stunde im Wald auf der Bank sitze und den Wald angucke, würde ich also auch ohne Schnee nicht weit kommen. Und: als Flachländer bin ich schon immer etwas langsamer die Berge hoch…

Hörsel mit Viadukt

Am 5.2.2022 setzte ich mit früh in den Zug nach Eisenach mit der Abellio Rail Mitteldeutschland. Der Rucksack hatte 16,5 kg auf der Personenwaage und war für mich deutlich zu schwer. Am schwersten wog lustigerweise das Essen. Von Eisenach ging es mit einer RegioBahn von Cantus in Richtung Bebra. Die dritte Haltestelle, die der Zug nach wenigen Minuten erreicht, ist dann Hörschel, wo der Rennsteig beginnt. Direkt am Haltepunkt ist eine geologische Verwerfung, ein Basaltgang. Dann überquert man den kleinen Fluß Hörsel, der bei Hörschel in die Werra einfließt, und deren wasserreichsten Zufluss darstellt.

Werra-Ufer in Hörschel

Am Ufer der Werra in Hörschel beginnt der Rennsteig. Dieser Wanderweg ist 169,3 km lang und endet in Blankenstein an der Saale. Es soll eine Tradition sein, einen Stein aus der Werra mitzunehmen, um ihn am Ende des Weges in die Saale oder die Selbitz zu werfen. Das machte ich nicht. Ich hatte im Zug einen Plastik-Diamanten gefunden und befestigte diesen als Glücksbringer an meinem Rucksack. An der Werra ist der tiefste Punkt des Rennsteigs mit 195 m ü NN. Zu DDR-Zeiten lag der Ort im Sperrgebiet, den nur ein paar Meter entfernt begann die ehemalige innerdeutsche Grenze (heute die Grenze von Thüringen zu Hessen).

Start des Rennsteigs in Hörschel

Nun ging es also los. Außer dem ersten Abzweig, nach wenigen Metern, ist der Rennsteig sehr gut ausgeschildert. Das markante „R“ ist sonst überall zu sehen gewesen. Eine Ziegenherde guckte belustigt zu, wie ich den ersten Berg erklimmte, der dann schon 311 m ü NN (Meter über Normalhöhennull – dem Meeresspiegel) liegt. Überhaupt ist der erste Teil der Strecke (bis zum Inselsberg) durch massive Aufstiege gekennzeichnet und für Anfänger eher schwer. Auf dem ersten Kilometer geht es also schon über 100 Meter aufwärts.

Denkmal für Julius von Plänckner

Gleich am ersten Kilometer gibt es einen Gedenkstein für den Kartographen Julius von Plänckner (1791 in Penig geboren und 1858 in Gotha gestorben). 1829 hat er den Rennsteig erfunden. Er unternahm die erste durchgehende Wanderung auf dem Rennsteig, definierte den Verlauf und veröffentlichte dies 1830 in Ansicht des nordwestlichen Teils des Thüringer Waldes. Seine Wanderung geschah über fünf Tage und Hörschel war das Ende seiner Reise.

Großer Eichelberg mit Blick zur Wartburg

Der erste größere Berg ist der Große Eichelberg (1,7 km ab Start, 311 m ü NN). Hier gibt es auch gleich die erste eher einfache Schutzhütte und einen schönen Ausblick zur Wartburg. Die Schutzhütten sind auf dem Rennsteig sehr verschieden. Die nächste Schutzhütte Flüchtiger Hirsch (ungefähr 3 km ab Start, nach Hohe Rad 360 m ü NN) hatte zum Beispiel eine Schlafecke und einen großen Mülleimer. Eine Schutzhütte mit Schlafecke macht allerdings gleich am Start des Rennsteiges nicht wirklich Sinn.

Schutzhütte Flüchtiger Hirsch

Ab dem 7. Kilometer liegt auch mal eine Ortschaft direkt am Rennsteig: Clausberg (400 m ü NN). Der Ort wurde im frühen Mittelalter als Raststätte für Reisende angelegt. Einst führte die Via Regia durch Clausberg und weiter nach Leipzig. Der in Leipzig nicht ganz unbekannt Hermann Ernst Moritz Arndt Meyer (Nachfahre des Verlegers) baute in Clausberg eine Villa mit einer sehr wechselvollen Geschichte. Einwohner waren nicht zu sehen, dafür einige Pferde.

Rennsteig 2022

Die Kamera, mit der ich die meisten meiner bisherigen Touren fotografierte, habe ich leider kurz vor der Tour durch eine neue ersetzen müssen. Ich habe eine Videokamera mit Foto-Funktion gekauft, die leider ein völliger Reinfall war. Am Anfang der Tour bei Sonnenschein gab es noch schöne Fotos. Dann zog sich der Himmel zu und es wurde etwas dunkler. Die folgenden Fotos konnte man fast alle wegschmeißen. Nur das Handy hat einige brauchbare Aufnahmen gemacht.

Über dem Förthaer Tunnel (früher auch Epichnellener Tunnel oder Clausbergtunnel)

Nach Clausberg überquert der Rennsteig am 9. Rennsteigkilometer einen der ältesten Eisenbahntunnel, welcher seit 1858 in Betrieb ist. Wäre nicht ein Schild am Wanderweg, hätte ich dies aber nicht bemerkt. Der 549 Meter lange Tunnel der Werrabahn ist vom Rennsteig aus nicht zu sehen. Bis 1992 fuhren im Tunnel auch Interzonenzüge zwischen der DDR und der BRD. Der Förthaer Tunnel wurde öfters unbenannt und kostete einigen Arbeitern das Leben.

Hohe Sonne mit Abzweig zur Drachenschlucht

Bei der nachfolgenden Schutzhütte Wilde Sau traf ich dann einen Radfahrer, der mir einige Tipps zum Rennsteig und den nachfolgenden Schutzhütten gab. Bei den Veilchenbergen umging ich einen 430 m ü NN hohen Berg auf dem Fahrrad-Rennsteig. Dann traf ich noch ein junges Pärchen die zur Hohen Sonne wollten, weil dort ihr Auto parkte. Dort wollte ich auch hin. Bei der Hohen Sonne zweigt ein Weg zur Drachenschlucht ab. Die drei Kilometer lange Klamm wurde durch einen kleinen Bach seit 250 Millionen Jahren geschaffen und führt vom Rennsteig in Richtung Eisenach. An einigen Stellen wird es richtig eng. Ein anderes Mal werde ich sicher die Klamm hinunter laufen.

Die Hohe Sonne ist eine alte Wegkreuzung. In DDR-Zeiten begann hier der Rennsteig, denn hier war kein Sperrgebiet mehr. Das Jagdschloss, Ex-Hotel oder Was-auch-immer ist eine Baustelle. Das 38-Jahre-Provisorium (eine Imbiss-Bude) hatte aber auch zu. Früher traf sich im Schloss die Freitagsgesellschaft unter dem Motto Dulce est desipere in loco. Nichts wie weiter, es wurde schon langsam dunkel.

Tee mit Schwedischer Blaubeere in der Schutzhütte Hohe Bruch

Nun musste ich schon die kleine Mini-Taschenlampe vom Messer anmachen, um die Schilder zu lesen. Ich hatte sonst noch eine Stirn-Lampe dabei, die für Notfälle sogar eine Rot-Blink-Funktion hat. Ich hatte aber keine Lust diese Lampe aus dem Rucksack zu kramen. An der Fuchswiese stand dann die Schutzhütte Hohe Bruch, wo ich nun übernachten wollte. Mit dem 15. Rennsteigkilometer war ich auch weiter gekommen, als ich vorher vermutet hatte. Hier gab es auch frisches Wasser einer Quelle und ich machte mir einen Tee Schwedische Blaubeere. Ich musste kurz an Falafel-Döner mit Pommes und Soße denken.

015 km – Schutzhütte Hohe Bruch – 06.02.2022

In die kleine Schutzhütte passte ich genau für quer hinein. Dank Holzfußboden, der einige Zentimeter über dem Waldboden eingezogen war, konnte man auch direkt auf dem Fußboden schlafen. Direkt meint hier: erst eine Plane, dann die Iso-Matte und dann der Schlafsack. Die offenen Seiten der Hütte wollte ich nicht mit dem Tarp schließen, da Wind leider die einzige Möglichkeit gegen Kondenswasserbildung ist. Ich hatte auch wenig Lust. Zum Tee gab es Nüsse. Die Füße bekamen Blasenpflaster, Hirschtalg und Fußpuder.

Schutzhütte Hohe Bruch

Die Nacht war trotzdem eher unschön und ich schlief nur einige Stunden. Der Wind weht sehr böig und mit starken Geräuschen durch den Wald. Temperatur um den Gefrierpunkt, der Wind war ein paar Grad kälter. Beim Schlafen gucke ich immer mit dem ganzen Kopf aus dem Schlafsack, habe aber dafür eine Skimaske, einen Wollschal und eine Wollmütze auf. Die kalte Nase gibt es immer. Am Morgen machte dann das Zähne putzen mit dem kalten Quellwasser im Regen sehr viel Spaß. Die feuchten Waschlappen und das kleine Microfaserhandtuch haben sich auch wieder bewährt. Der Schlafsack war dank guter Durchlüftung trocken geblieben und wurde wieder komprimiert und verstaut.

Quelle Hohe Bruch und Kneipp-Wasserbad

Direkt neben der Schutzhütte gibt es eine Quelle mit Wasser aus dem Wartburg-Kessel der Hohen Sonne, der übrigens die Wartburg und Süd-Eisenach mit Wasser versorgte. Ich kochte Kaffee für die Thermosflasche, Kaffee zum Trinken und Kuko zum Essen. Kuko ist der Kurzkochreis von Wurzner, den ich dann immer mit einer Tütensuppe anrühre. Natürlich wurde auch der Trinkwasserbehälter gefüllt. Der Wasserfilter kam nicht zum Einsatz. Das kleine Becken für Kneipp-Wasserkuren habe ich auch nicht genutzt. Laut Wetterbericht sollte der Regen gegen 09:20 Uhr aufhören.

Rennsteig 2022

Gegen 09:30 Uhr brach ich auf. Die geschundenen Füße traten erst sehr vorsichtig auf, dann wurde es etwas sportlicher. Leider verlief dieser Teil des Rennsteiges fast konsequent in den schlammigen Reifenspuren der Harvester (Holzerntemaschinen). Mischwald-Anpflanzungen, die nach dem Orkan Kyrill im Januar 2007 notwendig waren, konnte man auch sehen. Kyrill knickte 3,5 Millionen Kubikmeter Holz um, auf 11000 Hektar stand kein Wald mehr und bei den Aufräumarbeiten kamen sieben Menschen ums Leben und Dutzende wurden verletzt. Und das nur in Thüringen.

Die Neuanpflanzungen von Mischwald gibt es auch wegen des Klimawandels. Es ist aber nicht so, dass man die neuen Arten pflanzt, weil man weiß, dass diese Arten gegen den Klimawandel resistenter sind. Dazu ist das Ökosystem Wald auch stark von anderen Faktoren abhängig: Höhenlage, Boden, Mikroklima, Schädlinge, Wind, Temperatur – die alle ihrerseits durch den Klimawandel verschieden verändert werden. Stark vereinfacht könnte man in Bezug auf den Klimawandel sagen: es ist gut Mischwald mit vielen Baumarten zu pflanzen, damit in 50 Jahren überhaupt noch ein paar Bäume stehen.

Rennsteiggrotte

Die Rennsteiggrotte wurde bereits von Julius von Plänckner beschrieben. Es handelt sich um einen kleinen Felsüberhang mit Sitzbank und Tisch, der sich zwanzig Meter neben dem Rennsteig befindet. Vielleicht hätte man auch dort übernachten können. Der Wind scheint dort nicht hereinzuwehen. Es ist aber etwas schmal. Naja, ich war etwas enttäuscht.

Wartburgleitung

Am Jubelhain sind Entlüftungen für die Wasserleitungen der Wartburg-Wasserleitung, die 1886 erbaut wurde. Das Wasser für die Wartburg kommt aus der Granitquelle (601 m ü. NN), der Meininger Quelle (595 m ü. NN) und der Stollenquelle (585 m ü. NN). Auch hier sah es nach Harvester-Endzeit aus. Auch das Hubertushaus am 19. Rennsteigkilometer war fast freigelegt. Es wurde zunehmend kälter. Hatte ich am Vortag nur ein T-Shirt unter der Jacke an, war heute noch der Pullover dazugekommen.

Rulaer Häuschen mit Feuerstelle und Holz

Dann erreichte ich die Schneegrenze. Am Rulaer Häuschen machte ich eine Pause. Hier gab es eine Feuerstelle und jemand hatte schon fertiges Holz in die Hütte gestapelt. Mir war allerdings nicht nach Feuer machen, da die Temperatur nicht mein Hauptproblem war. Allerdings war die Temperatur ein Problem der Akkus der Kamera: Beide hatten sich schon wieder verabschiedet. Der Wind wurde immer stärker, aber nun gab es Glatteis auf dem Weg. Ich machte im Häuschen eine Pause und überlegt, ob ich auf dem Eis weiterlaufe. Es wurde auch immer windiger. Dann lief ich halt weiter.

Sturm an der Großen Meilerstelle

Wenn Schnee taut und es dann wieder kälter wird, bildet sich auf dem Schnee eine Glatteisschicht. Es macht keine Spaß darauf zu laufen, denn wenn man das Schneeeis mit nur einem Bein belastet, bricht man in den Schnee ein. Falls dies nicht passiert, rutscht man dafür. Beim 24. Rennsteigkilometer an der Großen Meilerstelle war ein Schneise. Dort schob mich der inzwischen orkanartige Wind einfach auf dem Glatteis vom Weg herunter. Mit einem Rucksack auf dem Rücken ist das nicht lustig. Äste brachen ab und flogen durch die Luft…

Später erfuhr ich, dass das Sturmtief den Namen Roxana bekommen hat. Mir sagte mal ein Mann im Walde, das man bei Sturm den Wald schleunigst verlassen sollte. Ganz so einfach ist das ja nicht, mitten im Thüringer Wald. Ich wartet beim Unterstand der Großen Meilerstelle bis der Wind etwas nachliess und eierte dann über das Glatteis durch die Schneise. Dann ging es etwas ruhiger am Ehrenmal Glöckner vorbei und ich kam zur nächsten Schneise mit einer Baumneupflanzung und einer der besten Schutzhütten des Rennsteiges.

Schutzhütte am Glöckner

Auch dort war der Orkan, aber die Schutzhütte war auf drei Seiten geschlossen. Und die Wetterseite hatte eine Glasscheibe, wo man den Sturm schön beobachten konnte. Ich beschloss den Tag hier nach 9 Kilometern zu beenden und baute den Eingang etwas mit dem Tarp zu, da es ab und zu eine Schippe Schnee herein wedelte. Dabei versenkte ich einen Hering hinter dem Holz. Übrigens eine der schönsten Schutzhütten des Rennsteigs: neben der liebevollen Tischdeko mit Papier-Servietten und Teelichtern, gab es sogar ein Hüttenbuch, einen Zunderschwamm und ein Matchbox-Auto. Ich schmolz etwas Schnee zu Kaffee, futterte noch Nüsse und einmal Kuko+.

Schutzhütte am Glöckner

Da es beim Herumstehen schon sehr kalt wurde, legte ich mich dann in den Schlafsack. Diesmal zusätzlich mit Strümpfen und Pullover. Eine Handy-Verbindung gab es nicht wirklich. So machte ich die Planung für den nächsten Tag mit der recht guten Wanderkarte vom Verlag Dr. Barthel aus Borsdorf. Ich beschloss, die Tour wie geplant am dritten Tag zu beenden und am Morgen vom Rennsteig über den Messerweg nach Ruhla zu laufen, um mich von dort zu einer Bahnstation durchzuschlagen, um dann heim zu fahren.

024 km – Schutzhütte am Glöckner – 07.02.2022

Die Nacht schlief ich wieder eher schlecht. Der orkanartige Sturm hielt bis zum Morgen an, ab und zu dreht der Wind und wehte fallenden Schnee zu den kleinen verbliebenen Öffnungen herein und ich hatte wieder eine schöne Eisnase. Diesmal hatte ich nur das Handy im Schlafsack und die Kamera-Akkus wollte nun nicht mehr. Leider wurde der Schlafsack etwas feucht und musste etwas lüften. Die Nassen Waschlappen waren doch nicht eingefroren – mir war erst früh eingefallen, dass ich sie mit in den Schlafsack nehmen wollte.

Kaffee aus Schnee

Es gab wieder Kaffee aus Schnee. Den holte ich mit meinen Arbeitshandschuhen von draußen. Es ist immer wieder sehr erstaunlich, wie viel Schnee man schmelzen muss, um einen halben Liter Wasser zu bekommen. Ich machte dann noch eine Heisse Tasse und dann war auch schon der Spiritus alle. Ich hatte zu wenig davon mitgenommen. Das beendete dann auch das Nachdenken darüber, vielleicht doch noch den Inselsberg zu schaffen.

Übrigens soll geschmolzener Schnee nicht so gesund wie Quellwasser sein. Schnee kristallisiert an Schwebeteilen, die dann natürlich noch vorhanden sind. Auch am Boden weht dann der Wind gerne Dreck auf den Schnee. Man sollte dann die oberste Schneeschicht wegwischen. Eiszapfen einzuschmelzen ist wahrscheinlich etwas gesünder.

Und morgens grüßt der Harvester…

Aufgeweckt wurde ich übrigens gegen 7:45 Uhr von einem vorbeifahrenden Harvester. Ich packte meinen Rucksack neu und machte mich dann gegen 09:00 Uhr auf den Weg. In der Nacht hatte es ein paar Zentimeter geschneit, so dass der Schnee nun aus einer Schicht Schnee, einer Eisschicht mit Sturmdreck und noch einer Schicht Schnee bestand. Das knirschte furchtbar, lies sich aber gut belaufen. So kam ich ziemlich schnell zur Schillerbuche und zum dort abzweigenden Messerweg der nach Ruhla führt. Diesen Exit-Point hatte ich auf der Karte markiert. An der kurz davor liegenden Straßenkreuzung stand übrigens ein Mülleimer und gab mir endlich die Gelegenheit meinen Müll zu entsorgen.

Imbiss zur Wallfahrt am Rennsteig und eine Bushaltestelle

Leider hatte der Imbiss zu (Februar 2022 ist nur donnerstags bis sonntags geöffnet) und der Messerweg machte einen sehr zugeschneiten Eindruck, aber dafür entdeckte ich eine Bushaltestelle. Der aushängende Plan versprach eine Busverbindung direkt nach Eisenach und ich beschloss dort eineinhalb Stunden auf den Bus zu warten. Ich hätte aber schon gern eine Thüringer Rostbratwurst, natürlich mit Born-Senf, gegessen. Außerdem hätten mich die Steinbacher Luther-Messer interessiert. An der Wallfahrt konnte ich dafür zusehen, wie eine kleine Holzerntemaschine auf einen Tieflader mit MAN-Truck verladen, festgezurrt und fortgefahren wurde. Dann kam auch irgendwann der Bus.

Bus 142

Für 4,60 Euro fuhr ich dann ab 11:16 Uhr mit dem Bus 142 von WartburgMobil nach Eisenach. Das dauerte fast eine Stunde, da der Bus sehr lustige Schlaufen fuhr. Ich dachte manchmal, da wird jeder Schüler einzeln abgesetzt, aber wahrscheinlich soll jedes Tal mit bedient werden. In Eisenach musste ich fast eine Stunde auf die Abfahrt des Abellio-Zugs warten, der aber schon eher ankam. Ich hätte in Wartha aus dem Bus steigen sollen, da hätte ich den vorherigen Zug bekommen. Am Nachmittag war ich wieder in Leipzig und machte mich gleich an die Planung der nächsten Etappe auf dem Rennsteig.

Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land, den Deuter auf dem Rücken, die Karte in der Hand. Ich bin ein lust’ger Wandersmann, so völlig unbeschwert. Mein Lied erklingt durch Busch und Tann, das jeder gerne hört.

nach dem Rennsteiglied von Karl Müller (Text) und Herbert Roth (Musik) aus Suhl

025 km – Wallfahrt am Rennsteig – Schillerbuche – 10.02.2022

Zuhause hatte ich dann beschlossen eine zweite Dreitagetour in Angriff zu nehmen und so fuhr ich mit Abellio und dem Bus 142 zur Wallfahrt am Rennsteig. Diesmal stieg ich in Wartha aus, um dort den Bus noch zu kriegen. Der Imbiss war wohl noch immer geschlossen und so machte ich mich gleich auf den Weg. Dieser führte erstmal die Straße entlang. Auch auf dieser Tour hatte ich keine Schneeschuhe dabei, sondern nur Gamaschen.

Wanderer

Tagesziel war, auf jeden Fall den Großen Inselsberg zu erreichen. Ich hatte diesmal genug Spiritus mit, dafür sollte ich dann andere Probleme bekommen. Nach ungefähr drei Kilometern erreichte ich eine markante Wegkreuzung am Rennsteig mit einem der vielen Dreiherrensteine. Da der Rennsteig auch oft die Grenze zwischen verschiedenen Herzogtümer darstellte, gibt es am Rande des Weges zahlreiche Grenzsteine anzusehen. Manche davon sind aber auch zerstört oder musste ersetzt werden, da sie gestohlen worden. Heute treffen hier der Landkreise Gotha, der Landkreis Schmalkalden-Meiningen und der Wartburgkreis aufeinander.

Wegsteine, Kreuze und Denkmäler am Rennsteig

Bei dem Dreiherrenstein am Großen Weißberg (übrigens 740 m ü NN) beginnt der Breitunger Rennsteig. Außerdem steht dort auch ein Denkmal für Victor von Scheffel. Dieser schrieb in einem 1863 veröffentlichten Gedicht über den Rennsteig: Und als wir kamen zum Dreiherrensteine briet schon am Spieß das Reh, das wir erlegt. 2022 war donnerstags der Gasthof leider zu. Dafür gab es einige Verbotsschilder. Kurze Pause dann weiter.

Nebelwald

Einen Kilometer weiter zweigt dann ein Wanderweg nach Brotterode ab. An der Wegkreuzung steht eine weitere Schutzhütte, die man über eine kleine vereiste Treppe erreichte. Die Wegkreuzung war leider von einem Harvester zerfurcht worden. Nach einer kleinen Pause führte der Weg nur aufwärts in einen Nebelwald. Bevor man den Oberen Beerberg (835 m ü NN) erreicht, zweigt noch ein Weg zur Beerberggrotte ab. Diese ist etwas tiefer als die Rennsteiggrotte und man kann tatsächlich darin schlafen. Ich bin allerdings nicht dort gewesen, da ich nach dem Aufstieg keine Lust auf Extrawege hatte.

Nebelwald

Der Schneesturm hatte am zweiten Tag der Tour übrigens auch viele Ästchen, Nadeln, Dreck und nächtlichen Neuschnee auf dem Glatteis verteilt. Als dann der Neuschnee wieder taute, bildete der kleine Sturmdreck dann eine Schicht, auf der man rutschfrei laufen konnte. Ansonsten wäre der Anstieg ziemlich schwierig geworden. Sollte ich eine solche Tour noch einmal machen, würde ich – wenn Glatteis droht – Schuheisen mitnehmen. Schneeschuhe besitze ich durchaus, die sind aber deutlich schwerer (1 kg pro Stück). Die haben auch Zacken für Glatteis, sind ja aber eher für Tiefschnee gedacht.

Baumdeko

Wenn man nur mal einen Tag wandern geht und vielleicht mit dem Auto dorthin fährt, sollte man vielleicht einfach alles einpacken. Für längere Touren ist es nicht wirklich abschätzbar, wie sich das Wetter entwickelt. Die Einheimischen wissen aber Bescheid. Viele Thüringer, die ich unterwegs traf, gaben mir wertvolle Tipps und so war ich auch nur mit Gamaschen unterwegs, um bei Tiefschnee-Situationen kein Wasser in die Schuhe zu bekommen. Bis fast zum Ende dieser Tour sollte ich damit auch gut hinkommen.

Großer Inselsberg im Nebel

Nach einem weiteren Anstieg erreichte ich den Großen Inselsberg bei Rennsteigkilometer 32,7 und 916,5 m ü NN. Die tiefste hier jemals gemessene Temperatur war -29°C und die höchste Schneehöhe 2,20 m. Aus dem Nebel – der alles überdeckte – lugte nur der runde Sendeturm hervor. Der dahinter liegende rot-weiße Sendeturm war überhaupt nicht zu sehen. Ich musste dann ungefähr einen Meter vom aufgehäuften Schneewall auf die freigeräumte Straße hinunter klettern. Im Gasthof Stöhr brannte Licht. Da bin ich aber nicht hinein gegangen.

Während einer Wanderung im Kalten hat man irgendwann die richtige Balance zwischen wärmender Kleidung und Schwitzen durch Bewegung gefunden. So hatte ich am ersten Tag in Hörschel nur ein T-Shirt unter der Winterjacke an. Diesmal war es noch ein Pullover mehr. Wenn man nun die warme Stube eines Berggasthofes betritt, kommt die erwähnte Balance völlig durcheinander. Wenn man dann wieder ins kalte Freie kommt, friert man bis zum Ende des Tages…

Berggasthof am Großen Inselsberg im Nebel

Vom Gasthof aus stieg ich nun die Stufen zur Straße hinunter und ging dann an einer Umgehung abwärts. Dabei hielt ich mich vorsichtshalber am Holzgeländer fest, denn an dieser Stelle wurde es etwas glatt. Übrigens ist es immer schwieriger bergab auf Glatteis zu laufen. Das hat psychologische Gründe: man sieht wohin und wie tief man fallen würde. Ich bin nirgendwohin gefallen.

Nach einem Kilometer gelangt man an eine Straße und die Grenzwiese. Sah eher aus wie ein großer Parkplatz. Auch dort lockte die Gastronomie und ich lief vorbei. Dann lief ich noch über Trockenberg und Großer Jagdberg zur Schutzhütte Am Jagdberg. Diese Hütte hat mir sofort gefallen, denn daneben stand ein Stromkasten. Es war aber weit und breit auch nichts Elektrisches zu sehen. Ein Mysterium.

Schutzhütte Am Jagdberg

Es wurde nun langsam dunkel. Ich überlegte noch, ob ich den benachbarten Unterstand mit dem Tarp zubaue und dann auf dem Tisch schlafe, entschied mich dann aber dafür, auf dem Fußboden der Hütte zu schlafen. Ich machte Licht an und gedachte feierlich der elf zurückgelegten Kilometer des Tages. Leider verabschiedete sich bei dieser Gelegenheit mein Feuerzeug: der Feuerstein sprang ins Dunkel und war nicht mehr auffindbar. Das zweite Feuerzeug war leider eingefroren, so dass ich es erst in der Hosentasche aufwärmen musste. Das funktionierte dann irgendwann. Es gab KUKO+.

036 km – Jagdberg – Schutzhütte – 11.02.2022

Auch die dritte Nacht im Winter auf dem Rennsteig war nicht wirklich angenehm. Vor dem bisschen Schlaf dachte ich noch über das Feuerzeug-Problem nach: Wenn ich kein Ersatzfeuerzeug mitgehabt hätte, hätte ich dann mit dem Feuerstahl den Spiritus des Kochers anbekommen? Oder das T-Shirt als Zunder verwendet? Es dauert auch mit dem Feuerzeug eine ganze Weile bis der Spiritus anfängt zu brennen. Hat ja auch funktioniert.

Schutzhütte Am Jagdberg am Morgen

Während das Licht langsam ausging herrschte völlige Stille und keinerlei Wind wehte. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Rennsteig-Nächten, wo ständig der Wind fauchte und sich die Windböen anhörten, wie ein vorbeifahrender ICE. Übrigens lag auch in und vor dieser Schutzhütte Feuerholz. Außerdem schien es eine öffentliche Feuerstelle zu geben. Außerhalb solcher Feuerstellen und bei Waldbrandgefahrenstufe größer Eins sollte man kein Feuer machen. Zumindest nicht im Thüringer Wald, da wechseln sich NSGs (Naturschutzgebiete) und FNDs (Flächennaturdenkmale) ab, und da darf man auf keine Fall Feuer machen. Aber Feuer wärmt halt auf, besonders die Hände.

Feuer

Der Tag startet nach dem Waschen mit den Feuchten Waschlappen und mit niegelnagelneuer Funktionsunterwäsche, die ich mir extra für diese Tour gekauft hatte. Bisher hatte ich immer nur normale Unterhosen und ein T-Shirt drunter, nun waren aber kühlere Temperaturen angesagt. Nach dem Frühstück ging es dann langsam los. In der Nacht hatte es geschneit und als ich loslief, knirschten drei Zentimeter pappiger Schnee unter meinen Schuhen. Auch darauf lies sich ausgezeichnet laufen. Die Skifahrer waren nicht sonderlich begeistert.

Possenröder Kreuz

Nach einem Kilometer über den kleinen Jagdberg (726 m ü NN) erreichte ich den Abzweig zur Gaststätte Tanzbuche und konnte nun auf einer freigeräumten Straße laufen. An Rennsteigkilometer 38 erreichte ich dann das Heuberghaus, welches allerdings geschlossen war. Es ging nun ein Stück an der Straße entlang, dann verschwand der Rennsteig im Wald und führte nach zweieinhalb Kilometern zum Possenröder Kreuz beim 40. Rennsteigkilometer. Zwischendurch traf ich auf die ersten Skifahrer, die auf dem Rennsteig eine Loipe spurten.

Zeit für Gamaschen

Zeit für eine kleine Pause. Ich hatte früh die Fußpflege vergessen und holte dies nun nach: Beide Füße bekamen ordentlich Hirschtalk draufgeschmiert und anschließend noch eine Ladung Fußpuder. Bei dieser Gelegenheit legte ich die Gamaschen an, denn an einigen Stellen des Weges hatte sich seitlich durchaus Tiefschnee (30-40 cm) angesammelt und man konnte etwas tiefer im Schnee versinken. Mit meinen Winterstiefeln, den wasserdichten Skihosen und den Gamaschen war ich aber gut ausgerüstet. Den ganzen Tag durch den Tiefschnee laufen – das ähnelt dann Treppensteigen, möchte ich aber keinesfalls.

Possenröder Kreuz – Schutzhütte

Was das Possenröder Kreuz soll, weiß niemand so genau. Es ist etwas geheimnisvoll. Johannes Bühring vom Rennsteigverein behauptete in seinem Buch Des Rennsteigs steinerne Chronik (1929), dass die Benediktiner von Reinhardsbrunn die Wanderer verwirren wollten und nicht ein Postillion vom Hund gebissen wurde. Zumindest ist bekannt das an dieser Stelle eine Wagenstraße kreuzte. Für den Wanderer von heute gibt es eine Holzhütte zum Ausspannen. Das Kreuz habe ich übrigens nicht gesehen, vermutlich war es zugeschneit.

Am Rennsteig

Ein Schluck Kaffee aus meiner Thermosflasche, die den morgendlich gekochten Kaffee über Stunden warm hält und dann ging es auch schon wieder weiter. So eine Thermosflasche ist schon ziemlich viel Luxus für eine Wanderung, aber andere Leute nehmen sogar einen Klappstuhl, eine Teekanne oder einen Regenschirm mit. Der Weg durch die winterliche Traumlandschaft war noch immer ohne Probleme begehbar, allerdings lag nun deutlich mehr Schnee – besonders am Rand. Noch ein Dreiherrenstein. An dieser Stelle verlief der Rennsteig früher anders, er wurde wegen des Bergbaus verlegt. Luther war auf seinem Weg zur Wartburg noch auf dem Originalweg unterwegs. Ein kleiner Weg führt dann zu einem Aussichtspunkt: dem Spitterblick.

Spitterblick – Blick auf Steinbruch mit See

Der Spitterblick wurde 2017 angelegt, nachdem eigentlich ein Aussichtsturm geplant war. Der Betreiber des Steinbruchs war daran beteiligt. Dort läuft meines Wissens nicht mehr viel, weil beim Abbau des Gesteins eine Wasserader getroffen wurde und ein See entstand. Kurz danach wurde der Weg schlagartig besser, da dort eine Pistenraupe geräumt und verdichtet hatte. Es ging abwärts, an einer Quelle vorbei zur Ebertswiese. Auch hier kam mir ein Skifahrer entgegen.

Schmalkalder Hütte an der Ebertswiese

An der Ebertswiese gibt es eine 110-kV-Stromleitung, man überquert die Spitter und es gibt die Schmalkalder Hütte. Die Spitter stürzt nachfolgend in Thüringens höchsten natürlichen Wasserfall über neunzehn Meter in den Spittergrund. Dort war ich nicht, denn ich setzte mich in die Hütte und kochte erstmal neuen Kaffee. Ein Skifahrer-Paar tauchte noch auf und suchte ein Stirnband. Ich sollte sie am nächsten Tag nochmal wiedertreffen. Die Ebertswiese ist ein gerodetes Gebiet, welches nach einem Eberhard vom Kloster Georgenthal benannt wurde. Ursprünglich entstand eine Art Moor und dies war nur über einen Knüppeldamm betretbar.

Übrigens war der Nebel am Inselsberg sehr nass gewesen. Danach regnete oder schneeregnete es auch ein bisschen den Tag über. Der Deuter-Rucksack hatte bereits seit dem Morgen seine eingebaute Regenhülle drüber bekommen. Die Wind- und wasserdichte Hose und auch die Jacke hielten sehr gut durch. Nur die Handschuhe wurden ordentlich durchfeuchtet. Wobei ich übrigens immer zwei Paar Handschuhe mitnehme: Winterhandschuhe, um die Hände zu wärmen und Arbeitshandschuhe, um etwas zu machen.

Aussichtsturm

Dann ging es mal wieder bergauf und der Weg bekam dann durch die Skifahrer eine Loipe am rechten Rand. Ich lief ganz links. Nach der Alten Ausspanne folgte nach einem Kilometer, am Rennsteigkilometer 48, die Neue Ausspanne, ein torartig gebautes Haus, mit Toilettenbenutzung gegen Geldeinwurf. Dort war auch ein geöffneter Imbiss, der jedoch nicht sonderlich vertrauenerweckend wirkte. Also lief ich einfach dran vorbei, wieder bergauf und landete beim Dunkelwerden schließlich in einer Schutzhütte am Sperrhügel. Hier lagen dann schon 40 cm Schnee vor der Hütte.

Schutzhütte am Sperrhügel (Foto vom nächsten Tag)

Nach dreizehn Kilometern durch den Schnee, war ich nun völlig fertig. In der Schutzhütte gab es Bank und Tisch, aber beides zu schmal um darauf zu schlafen. Also schlief ich wieder auf dem Boden. Ganz unten eine Metall-Rettungsdecke, dann eine kleine Plane, dann die Isomatte (Luftmatratze) und darauf der Schlafsack. Mit einer weiteren Rettungsdecke dichtete ich den Eingang ein bisschen ab. Da ich mit dem Kopf aus dem Schlafsack heraus gucke, trug ich beim Schlafen noch eine Skimaske, einen Wollschal und eine Wollmütze. Auf Essen und Tee kochen hatte ich keine Lust mehr und legte mich mit einer Tüte Nüsse, den Sachen des nächsten Tages und dem Handy in den Schlafsack.

Die Hose kamen mit in den Schlafsack, die Schuhe stellte ich daneben. Als ich die Schuhe auszog dampften die etwas feuchten Strümpfe, wie beim Ausatmen. Die Strümpfe behielt ich an, in der Hoffnung, dass diese im Schlafsack trocknen. Den Pullover behielt ich ebenfalls an. Die Nacht war wieder völlig still – totenstill. Durch den Eingang der Hütte sah man zwischen den Bäumen einen Stern funkeln. Eiskalt.

049 km – Sperrhügel – Schutzhütte – 12.02.2022

In der Nacht sank die Temperatur vom Gefrierpunkt um Mitternacht bis auf -7,5°C um 06:30 Uhr, als mich eine Pistenraupe weckte, die auf dem Rennsteig vorbei fuhr. Mein Overnight-Kälterekord. Die Nacht habe ich eigentlich nicht geschlafen, nur ab und zu ein bisschen gedöst. Der Schlafsack ist eigentlich nur bis -5°C ausgelegt, danach dient er nur noch zur Lebenserhaltung. Ich fror besonders an den Füßen, obwohl die Socken dann trocken wurden. Die Funktionsunterwäsche und die Kopf- und Halsbedeckungen aus Wolle hielt mich sonst warm. An den Füßen fror ich, weil sich die Luft im Schlafsack einfach nicht aufheizte. Ich wickelte dann später ein T-Shirt um die Füße.

Am Rennsteig

Bereits am Vortag hatte ich geplant, den Rennsteig in Wachsenrasen zu verlassen, um nach Oberschönau zu kommen, wo ein Bus fährt. Nun hatte ich erstmal andere Probleme: Das Aufstehen und Waschen war eine Tortur. Diesmal bekamen die Füße gleich Hirschtalg und Fußpuder. Die Schuhe waren völlig zugefroren und ich brauchte zehn Minuten, um sie anzubekommen. Eine Schlaufe riss ab. Danach fühlte sich die Schuhe an wie Eisklumpen. Das Funktionshemd und den Pullover bekam ich einfach nicht aus und behielt Beides einfach an. Die Jacke zog ich auch gleich an, sie war ebenfalls steif gefroren. Einfach alles was am Vortag Kontakt mit dem Regen hatte, war nun tiefgefroren.

Am Rennsteig

Ich ging mehrmals Schnee holen, um Kaffee zu kochen und in die Thermosflasche zu füllen. Als ich dann Schnee holte, um Essen zu kochen, wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Dieses seltsame Gefühl kannte ich schon von anderen Touren: der Körper verlangte nach Kohlehydraten oder war dehydriert. Ich musste mich hinsetzen und kochte aus dem vorhanden Schnee schnell eine Heisse Tasse. Danach ging es mir besser. Leider war beim Öffnen des Spirituskochers der Dichtungsring am falschen Teil festgefroren und ging in Flammen auf. Egal, ich ließ den Kocher leerbrennen und versuchte meine steif gefrorenen Hände aufzuwärmen. Beim nachfolgenden Einpacken machte ich den Packsack der Isomatte kaputt. Dann hatte ich endlich alles im Rucksack und konnte mich auf den Weg machen. Auch die Trageriemen vom Rucksack waren eingefroren. Als Letztes verzweifelte ich an den Handschuhe: sie waren zu Brettern gefroren. Ich versuchte die kalten Fäuste in die kalten Handschuhe hineinzuquetschen.

Skifahrer am Rennsteig

Irgendwann lief ich dann einfach los. Die Mülltüte blieb in der Hütte liegen, da ich völlig vertrant war. Ich stapfte erstmal sehr mechanisch vor mich hin. Nach einer Weile wurde mir durch das Laufen wärmer. Ich bekam die Hände immer weiter in die Handschuhe und traf dann auch die ersten Skifahrer. Den Wollschal und die Stirnlampe hatte ich vergessen in den Rucksack zu packen. Den Wollschal setzte ich als Mütze auf, die Lampe kam in die Jackentasche. Mir ging es deutlich besser und bei einer kleinen Pause beschloss ich, einfach bis Oberhof – Grenzadler durchzulaufen, da der Bus den ich in Oberschönau bestiegen hätte, dort ebenfalls hielt.

Am Rennsteig

Der Rennsteig war mit einer Pistenraupe präpariert und sehr schön zu belaufen. Die Schneehöhe betrug ungefähr 60 cm. Außerhalb der präparierte Piste konnte man nur mit Schneeschuhe laufen. Da ich der einzige Mensch ohne Ski war, fiel ich etwas auf. Ich traf einige Skifahrer vom Vortag wieder und es kam zu interessanten Gesprächen. Irgendwann kam dann die Sonne zum Vorschein und der Rennsteig wurde wieder zur Traumlandschaft. Bei einer Schutzhütte, zog ich wieder die Gamaschen an, den jetzt wurde es wieder anstrengend. Die Handschuhe hatten jetzt nur noch steif gefrorene Finger.

Holzmichel im Tiefschnee

An dieser Stelle führte die präparierte Schneepiste nach Süden und der Rennsteig wurde zum Tiefschneeweg. Man konnte entweder auf dem Eis über der 60cm-Schneeschicht stehen oder man brach halt ein. Eine sehr anstrengende Art der Fortbewegung – zumindest hier hätte ich gerne Schneeschuhe dabei gehabt. Nach ein paar Metern lernte ich auch den Holzmichel kenne, von dem einige behaupten, er lebt noch. Hundert Meter weiter traf ich dann die Skifahrer von der Ebertswiese wieder und irgendwann war der Rennsteig auch wieder eine Schneepiste und vernünftig belaufbar. Wenn es nur ein paar Meter sind, kann Tiefschnee auch mal Spaß machen. Schnee ist ja fester Sonnenschein. Zwischendurch kreuzten weitere Schneepisten den Rennsteig, mit Schilder, welche darauf hinweisen, dass der Leistungssport hier Vorrang habe.

Rennsteig bei Oberhof

Irgendwann kam ich dann am Grenzadler in Oberhof an. Allerdings schockte mich der Menschenauflauf völlig. Skifahrer brausten aus allen Richtungen an mir vorbei – es war Hochbetrieb. Die Thüringer Hütte verkaufte Rostbratwurst, es stand eine lange Schlange von Menschen an. Überall parkten Autos, ein Rettungshubschrauber schwebte ein, ein Motorschlittenfahrzeug mit Blaulicht fuhr vorbei und ich suchte die Bushaltestelle. Zivilisationsschock: Nach fünf Tagen relativ einsamer Winterwanderung fühlte sich die Oberhofer Grenzadler sehr komisch an.

Ich musste ein paar Minuten warten, dann fuhr der Bus zum Oberhofer Busbahnhof. Dort ging ich auf die Toilette, kaufte bei tegut Schokolade und wartete auf den Rennsteig-Bus nach Gotha. Dann machte ich ein paar Fotos, dass hatte ich seit Mittag völlig vergessen. Inzwischen war nur noch ein Finger der Handschuhe etwas eingefroren. Der Bus war voller Senioren. In Gotha ging es dann mit der RB20 von Abellio Rail und den Senioren-Reisegruppe zurück nach Leipzig.

Busbahnhof Oberhof

Nach praktisch drei Jahren ohne richtigen Urlaub, habe ich die zwei Touren wirklich gebraucht. Insgesamt hat es sehr viel Spaß gemacht. Auf den insgesamt 62 Kilometern war von Windstille bis Orkan, von Sonnenschein bis zu bitterkalter Nacht und vom einsamen Dahinwandern bis zum Volksauflauf einfach alles dabei. Da ich, wie schon oben geschrieben, kein Kilometerjäger bin, war ich mit der Strecke auch sehr zufrieden.

Nachts am Rennsteig

Erinnerung

Nördlich von Oberhof, am Lütsche-Stausee, habe ich in den 1980ern noch Wohnwagen-Camping mit den Eltern gemacht. Der Wohnwagen stand dort dauerhaft und gehörte dem Betrieb meines Stiefvaters. Zu den prägensten Erinnerungen gehörte ein Abenteuer an einer Felswand: Ich versuchte nach oben zu klettern, musste aber wegen eines Überhangs wieder rückwärts nach unten klettern. Auf dem Zeltplatz gab es Leute die Fliegenpilze gegessen haben. Die Pilze wurden stundenlang gekocht und immer wieder das Wasser gewechselt.

Ich musste meine Eltern stundenlang bequatschen, mir das Album Wish you were here von Pink Floyd zu kaufen, welches damals als Musik-Cassette in der DDR erschien und in Oberhof zu kaufen war. Der Rückweg von Oberhof: im russischen Geländewagen Niva mit Shine on you crazy diamond durch die Wälder des Thüringer Waldes.

Remember when you were young? You shone like the Sun.

Now there’s a look in your Eyes. Like black holes in the Sky.

Shine on you crazy Diamond.

aus „Shine on you crazy Diamond“ von Pink Floyd

Ich verbrachte ganze Tage mit Pilze sammeln an den Hängen des Lütsche-Tales. Jahre später – ebenfalls in den 1980ern – waren wir noch einmal am Lütsche-Stausee: der Stausee war abgelassen – man sah den rissigen Boden der Talsperre – und an den Hängen herrschte das Waldsterben. Soweit ein kleiner Rückblick.

064 km – Oberhof – Rondell – Rennsteiggarten – 05.03.2022

Die dritte Tour der Rennsteigbewanderung sollte eigentlich auch eine Drei-Tage-Tour werden. Da ich aber erst einen Tag später starten konnte, standen mir nun nur zwei Tage zur Verfügung. Die Hinreise war ziemlich umständlich: erst mit der S-Bahn nach Halle, dann von dort nach Erfurt, von Erfurt nach Zella-Mehlis und dann mit dem Bus nach Oberhof. Der Bus hält direkt am Rennsteig, die Haltestelle heißt Rondell / Rennsteiggarten, am Rennsteigkilometer 64. Damit habe ich 2,7 Kilometer vom Grenzadler übersprungen.

Rondell mit Obelisk

Am Rondell wurde 1830-1832 eine Landstraße für den zollfreien Verkehr gebaut, die den Rennsteig überquerte und heute unterquert. Der Obelisk erinnert an den Straßenbau, den sogar Preußen mitfinanzierte. Einer der federführenden Ingenieure für die Planung der Straße war Julius von Plänckner, der Erfinder des Rennsteigs. Der Rennsteiggarten ist ein botanischer Garten für Pflanzen aus den Gebirgen der Welt, den ich mir sehr gern angeschaut hätte. Leider war durch die umständliche Anreise sehr viel Zeit vergangen, es ging auf 11:00 Uhr zu, und so machte ich mich ohne Besichtigung auf den Weg.

Rennsteig bei Oberhof

Die ersten Kilometer sind immer am Schönsten. Die Sonne guckte ab und zu zwischen den Bäumen hindurch und es gab auch gleich Interessantes zu sehen: Zwiesel. Das sind Bäume die sich in zwei etwa gleich starke Stämme aufgabeln. Die echten Zwiesel sind aus zwei Sämlingen entstanden, die zu nah beieinander Stämme ausgebildet haben. Die falschen Zwiesel sind aufgrund durch Beschädigung der Knospe, des Triebs oder des Erbgutes entstanden. Ich bin da kein Experte, würde aber auf die zweite Variante tippen.

Rennsteig bei Oberhof

Der Höhenzug auf den der Rennsteig nun entlang führt heißt Brandleite. Ein Stein mit einem großen R erinnert nun an den Brandleitetunnel, einem 1884 eröffneten Eisenbahntunnel, der an dieser Stelle den Rennsteig unterquert. Am Vormittag war ich mit dem RE 7, auch Mainfranken-Thüringen-Express genannt, von Erfurt nach Zella-Mehlis durch diesen Tunnel gefahren. Auf dieser ziemlich kurvenreichen Strecke werden übrigens Züge der Baureihe 612 eingesetzt. Das sind Züge mit Neigetechnik: nicht die Strecke wird mit Neigung gebaut damit die Züge nicht aus der Kurve fliegen, sondern die Wagons neigen sich bei Kurven in die Gegenrichtung.

Brandleitetunnel

Der Tunnel hat ziemliche Probleme mit Wasser, das am Tunnelmund fröhlich aus dem Berg plätschert. Auf dem Rückweg sollte ich nochmal durch den drei Kilometer langen Tunnel fahren. Nach dem Tunnel kam übrigens der Bahnhof Oberhof, der aber nicht bedient wird. Der mit acht Kilometern längste Straßentunnel Deutschlands, der Rennsteigtunnel mit der Autobahn A71, unterquert am Ausgang zum Bahnhof auch den Rennsteig und kreuzt sich mit dem Brandleitetunnel. Beide Tunnel sind an dieser Stelle nur durch 6-7 Meter Gestein getrennt.

Brandleite, Kreuzung mit Schneekunst

Der Rennsteig trifft nun wieder auf eine Straße. War ich die ersten Kilometer nicht auf Menschen getroffen, so waren nun viele Skiläufer zu sehen. Da lies sich wieder gut wandern, da eine Pistenraupe den Schnee plattgedrückt hatte. Ich hatte auch diesmal nur Gamschen dabei, die aber nicht zum Einsatz kamen. Es hatte seit Tagen nicht geschneit und der Schnee war mehrfach angetaut und überfroren. Darauf konnte man gut laufen, weil man wegen der Eisschichten nicht mehr einbrach.

Unterwegs

An der Suhler Ausspanne gab es dann Wettkampfbetrieb: Die Thüringer Meisterschaft 2022 im Langlauf – der sogenannte Otto-Wahl-Lauf vom Sportclub Motor Zella-Mehlis am Sommerbachskopf. Dabei traten von U8 bis 76+ Sportler an. Ich habe leider von Langlauf keine Ahnung und habe nur ermittelt, dass es klassische und Skating-Techniken gibt. Die meisten Langläufer hatte ich unterwegs im Diagonalschritt in der Loipe gesehen, einige auch mit dem Grätenschritt daneben. Nun überholten mich auch drei Jugendliche mit einem Doppelstockschub mit Zwischenschritt. Als ich vorbeikam, war da eine Siegerehrung.

Otto-Wahl-Lauf

Der höchste Punkt des Rennsteigs mit 973 m ü NN ist auf dem Großen Beerberg erreicht. Der Große Beerberg ist übrigens 982 m ü NN hoch, aber aus Gründen des Naturschutzes bin ich nicht am Gipfel gewesen. Das ist inzwischen verboten und ein dort vorhandener Aussichtsturm wurde in den 1980er abgerissen. Der Große Beerberg ist übrigens der höchste Berg des Thüringer Waldes und von Thüringen. Ein netter Skiläufer hat da Fotos gemacht. Außer dem Rennsteig-R und einem kleinen grünen Schild, gab es aber nichts weiter zu sehen. Ein paar Meter weiter sollte sich das aber noch ändern.

Großer Beerberg – höchster Punkt des Rennsteigs

Nun lud eine Aussichtsplattform direkt am Rennsteig zum Hochklettern ein. Plänckners Aussicht ermöglicht eine Sicht auf die südliche und südwestliche Landschaft mit dem Unteren Beerberg, 891 m ü NN, und Teile der Stadt Suhl. Auch der Große Beerberg gehört zum Stadtgebiet. Suhl ist bekannt für Jagdwaffen, Mopeds der Marke Simson und Herbert Roth. Außerdem verfügt Suhl über zwei Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn: der erste nimmt keine Geldscheine an und beim zweiten ist die Druckfarbe fast alle.

Bergab kommt man nun zum Adler, wo ich eine Pause machte. Zeit für ein kleines Frühstück: Haferflocken, Nüsse, Rosinen und Milchpulver verwandelten sich mit heißem Wasser in einer kleinen Schutzhütte in ein Müsli. Das hatte ich zuhause gemischt und in kleinen Frühstückstüten mitgenommen. Ich packte meinen Gaskocher aus und probierte das Wintergas aus. Das ist eine spezielle Gasmischung aus Propan und Isobutan, die bis -18°C ohne Probleme funktioniert. Nach den Problemen mit dem Spirituskocher und dem hohen Verbrauch auf den beiden ersten Rennsteig-Touren, war ich nun wieder auf Gas umgeschwenkt.

Das Wasser hatte ich in einer PET-Flasche mit. Außerdem wurde neuer Kaffee für die Thermosflasche gemacht. Diese war seit der letzten Tour kaputt, weil sie zugefroren war und dann vermutlich eine Dichtung abriss. Übrigens: zugefroren, obwohl heißer Kaffee drin war. Nach dieser Tour hab ich die Thermosflasche weggeschmissen.

Plänckners Aussicht

Auf dem weiteren Rennsteigverlauf gibt es noch ein paar Berge: der Rosenkopf mit 939 m ü NN und der Fichtenkopf mit 944 m ü NN. An der Suhler Hütte ist noch der Teufelskreis mit 967 m ü NN und der Kernzone des Schneekopfmoors. Noch etwas weiter, ca. einen Kilometer vom Rennsteig entfernt, folgt dann der zweithöchsten Berg Thüringens, der Schneekopf mit 978 m ü NN. Ein vorbeifahrender Skifahrer hatte mir empfohlen, dort mal vorbeizuschauen, aber letztendlich bin ich dann doch weiter den Rennsteig entlang.

Rennsteig

Dann folgt eine Messstation des Luftmessnetzes des Umweltbundesamtes mit einem Monitor am Rand des Rennsteigs, welcher die aktellen Prognosen anzeigt. Die Temperatur dieses 5. Märzes sollte zwischen 0.1°C und -6°C schwanken. Wind wehte mit 7.8 km/h – also praktisch kaum fühlbar. Die Angaben habe ich aber hinterher aus dem Internet recherchiert. Gleich folgend ist das bekannte Waldhotel Schmücke. Dort kletterte ich mal kurz vom Schnee auf die freigeräumte Straße und genoss den Ausblick zum Mittelrain und Großen Finsterberg.

Wetterstation Schmücke

Der bekannteste Wirt der Schmücke war Johann Friedrich Joel – ein Thüringer Original. In der Neuzeit wurde Joel wieder durch den Schunkelwalzer Der alte Schmückewirt von Herbert Roth bekannt, von dem ja auch das Rennsteiglied stammt. Zum 70. Geburtstag des Suhler Komponisten und Interpreten wurde ein paar Meter weiter ein Gedenkstein aufgestellt. Früher habe ich den Fernseher ausgeschalten, wenn Herbert Roth mit seinen roten Wandersocken zu sehen war, heute bin ich etwas nachsichtiger. Immerhin dreihundert Lieder stammen aus seiner Feder.

Herbert-Roth-Denkmal

Dann führte der Rennsteig weiter zum Mordfleck. Ich wollte lieber nicht wissen, wie dieser Name entstanden ist. Dann bin ich falsch abgebogen und hätte beinah den Großen Finsterberg bestiegen, merkte dann aber meinen Irrtum und lief – nach Gefühl – in die Richtung, wo ich den Rennsteig vermutete. Ich fand zuerst den Fahrrad-Rennsteig und dann auch den Wander-Rennsteig, der nun nicht mehr auf einer festgefahrenen Skipiste verlief, sondern durch den Tiefschnee. Der Fahrrad-Rennsteig, einer der Alternativwege, ist übrigens deutlich länger als der Wander-Rennsteig, dafür aber nicht so schwierig.

Rennsteig

Der Rennsteig trifft nachfolgend wieder auf eine Straße und führt an dieser bis zum Rennsteig-Bahnhof. Das ist ein Kopfbahnhof der tatsächlich vom RennsteigShuttle angefahren wird. Als Zug war ein Stadler Regio-Shuttle RS1 zu sehen. Früher gab es hier auch eine Zahnradbahn. Ab hier führt der Rennsteig auf der ehemaligen Strecke einer Kleinbahn die zwischen dem Bahnhof Rennsteig und Frauenwald verkehrte und 1965 aufgegeben wurde. Nun wurde es auch langsam dunkel und ich begann nach einer Schutzhütte Ausschau zu halten. Das Bunkermuseum besuchte ich ebenfalls nicht, mir taten auch langsam die Beine weh.

Rennsteigbahnhof

Nach einer Tagesstrecke von 18 Kilometern traf ich dann auf die Schutzhütte am Meisenhügel (789 m ü NN), auch Schutzhütte Roter Berg (751 m ü NN) genannt. Die dritte Schutzhütte mit Glasfenster und mit zwei breiten Bänken, auf denen man gemütlich schlafen kann. Natürlich fährt, auch nachts, immer mal ein Auto auf der benachbarten Straße entlang. Ich musste aber erstmal den Dreck anderer Leute wegräumen. Da war Party – auf jeden Fall war die Tischdecke noch da!

Anmerkungen am Rande: Es lohnt sich durchaus, zuhause Essen in kleine Frühstücksplastiktüten umzupacken, die man wieder mit nachhause nehmen kann. Auch auf einem bekannten Wanderweg, wie dem Rennsteig, gibt es leider kaum Möglichkeiten Abfall und Müll loszuwerden. Und in den Wald möchte man es ja nicht werfen. Übrigens: Anderen Hinterlassenschaften kann man im Winter bei gefrorenen Boden und 40cm Schnee leider auch nicht vergraben. Klopapier und Zellstofftaschentücher könnte man durchaus im Wald lassen, sie sind vollständig aus Holz und richten keinen Schaden an. Aber sie zersetzen sich genauso schnell wie ein Baum, es kann also Jahre dauern. Also vielleicht doch mal kurz das Feuerzeug dranhalten…

Ich kochte Tee aus Schnee und machte Kurzkochreis mit Fischsuppe. Beim Schein der Teelichter trinken, essen und erstaunt feststellen, dass ich nun die bisher längste Rennsteig-Tagesetappe zurückgelegt hatte. Auch diese Nacht wurde nicht ganz so einfach. Durch das Glasfenster sah man einen Stern und nachts rief der Kauz.

Schutzhütte Roter Berg / Meisenhügel

Thüringen – Männer in roten Wandersocken haben hier Lieder gesungen

Thüringen – Heike Drechsler ist hier so oft über 7 Meter gesprungen

Thüringen – Goethe ist extra aus dem Westen hergezogen

Thüringen – David Bowie ist auch schon einmal drüber geflogen

aus „Thüringen“ von Rainald Grebe

082 km – Schutzhütte Meisenhügel – 06.03.2022

Auch die fünfte Winterübernachtung endete mit eher weniger Schlaf. Leider hatte ich die Funktionsunterwäsche, die ich in der Nacht anziehen wollte, zuhause vergessen. Die dampfenden Strümpfe wurden aber gewechselt. Einschlafhilfe leistet eine Wärmflasche: ich füllte die mitgebrachte PET-Flasche mit heißem Wasser. Gegen Mitternacht hatte dann die ISO-Matte keine Luft mehr. Ich pumpte die Luftmatratze nochmal auf, aber innerhalb einer Stunde war dann die Luft wieder weg. Das Mikroloch war auch nicht zu hören oder zu sehen. Da ich auf einer erhöhten Bank lag, war das aber nicht ganz so schlimm.

Schutzhütte Roter Berg / Meisenhügel

Raus in die Kälte. Waschen. Füße mit Hirschtalg einschmieren. Es gab Kaffee aus Schnee, gleich in die kaputte Thermosflasche abgefüllt. Dann Kurzkochreis mit Gulasch-Tütensuppe. Alles in den Rucksack packen. Aufbruch. Ich habe drei Teelichter dort gelassen. Und natürlich die Tischdecke. Der Eintrag ins Hüttenbuch war etwas blaß, die Kugelschreiber waren eingefroren.

Nach kurzer Strecke trifft man auf die Straße und den Ort Allzunah. Eine der jüngsten Siedlungen am Rennsteig, die auf eine Glashütte von 1692 beruht, die allzunah am Nachbarort lag. Später gab es eine Kneipe und letztendlich kam die Eisenbahn: Die Kleinbahn vom Rennsteigbahnhof nach Frauenwalde führt hier ebenfalls entlang. Den Bahnsteig, der noch vorhanden sein soll, habe ich leider nicht gesehen.

Allzunah

Ich lief dort direkt auf der Straße, eine Wegführung war im Schnee nicht zu erkennen. Nach dem Ort bog ich wieder in den Wald ab, aber nach kurzer Zeit konnte ich den Weg nicht mehr erkennen und lief wieder auf der Straße. Auf der Karte war zu sehen, dass der Rennsteig irgendwann die Straße quert. Eine auf der Karte sehr schlecht erkennbare abbiegende Straße (namens Rennweg) verwirrte mich aber ziemlich. Instinktiv lief ich richtig weiter. Dann ging es nördlich der Straße weiter, leider nun in den Reifenspuren eines Harvesters.

Rennsteig

Dann gab es eine geschlossene Gaststätte und einen Dreiherrenstein. Das bedeutet dort stießen drei Gebiete aufeinander: das Fürstentum Schwarzburg-Arnstadt, die Grafschaft Henneberg und das Herzogtum Sachsen-Eisenach. Heute sind es fünf Gebiete, für einen neuen Stein hat es aber nicht gereicht. Auch der Tintenfasswerfer von der Wartburg muss schon hier gewesen sein, denn es gab ein Lutherweg-Schild. Das heutige Tagesziel liegt nach einer neuen Vermessung des Rennsteigs nicht mehr am Dreiherrenstein, sondern ein paar Meter weiter.

Großer Dreiherrenstein

Bei Rennsteigkilometer 84,646 liegt seit 2003 der Mittelpunkt des 169 Kilometer langen Rennsteigs. Ich machte schnell ein Foto und lief gleich weiter, um den geplanten Exit-Point rechtzeitig zu erreichen. Der Rennsteig führte nun von einem Grenzstein zum nächsten – zum Teil durch Bachläufe. Soviele Grenzsteine nacheinander habe ich noch nirgens gesehen. Die Strecke wurde auch sonst sehr anstrengend. Der Weg war völlig zertreten und hatte Löcher. Die Füße setzten jedesmal in einer anderen Neigung auf.

Mittelpunkt des Rennsteigs

Nach Großem Burgberg und Beerwiese bog der Rennsteig dann wieder in den Wald ab und nach vielen Bäumen mit dem weißen R verschwand dann völlig der Weg und ich arbeite mich durch die Bäume und erreichte bei einem Sportplatz wieder die Straße, die ich bis nach Neustadt am Rennsteig bei Rennsteigkilometer 89,5 entlang lief. Dort lief ich am geschlossenen Rennsteigmuseum vorbei zur Bushaltestelle. Meine Rennsteig-Bewanderung sollte also nach fast 90 Kilometern hier enden.

Rennsteigmuseum

Mit dem wenige Minuten später einfahrenden Bus fuhr ich entlang des Rennsteigs, der im folgenden immer der Straße folgt, bis zur Schwalbenhauptwiese bei Rennsteigkilometer 95,6. Hier wollte ich eine halbe Stunde später in einen anderen Bus umsteigen, der aber einfach vorbeifuhr, weil der doofe Tourist auf der falschen Straßenseite stand. Der nächste und letzte Bus des Tages fuhr dann erst, zwei Stunden später, um 14:30 Uhr und so beschloss ich mal die Straße entlang nach Masserberg zu laufen.

Auf der Wiese Schwalbenhaupt befindet sich der Gedenkstein Triniusstein und die Triniusbaude. Stein und Bergbaude wurden nach dem deutschen Schriftsteller August Trinius benannt. Trinius machte mit seinem Buch Der Rennstieg des Thüringer Waldes den von Julius von Plänckner erfundenen Rennsteig berühmt und löste einen Wander-Boom aus. Heute wäre er YouTuber und würde mit Selfie-Stick und Drohne über die Wiese laufen: in sieben Etappen über sieben 700er Berge mit nur sieben Thüringer Rostbratwürsten.

Schwalbenhauptwiese

Der Wanderschriftsteller hat auch noch mehr Bücher über den Thüringer Wald geschrieben. Auf ihn geht auch der Spruch vom grünen Herzen Deutschlands zurück, das war der Titel eines seiner Bücher. Zurück zur Realität: ein Herz ist nicht grün, der Skilift Erste Berg Masserberg war geschlossen, der Parkplatz war leer und die dortige Bushaltestelle bestand aus einem Schild, welches etwas schräg aus dem Schnee ragte.

Nur durch Herumlaufen vermeidet man das Frieren, verwirrt aber auch die Thüringer. Vielen Dank an die netten Menschen, die mir anboten mich den nächsten Tag mit dem Auto in die nächste Stadt zu fahren. Der Bus kam dann tatsächlich und fuhr zurück zur Schwalbenhauptwiese und dann nach Schleusingen.

Skilift Erste Berg in Masserberg

In Schleusingen war nun nur eine paar Minuten Zeit. Aber von der Bushaltestelle an der Suhler Straße konnte man einen Blick auf das Schloss Bertholdsburg werfen. Dann fuhr mich der nächste Bus nach Suhl. Dort überedete ich den zweiten Fahrkartenautomaten mir ein blassgedrucktes Ticket auszuwerfen. Mit dem Neigetechnik-Zug der 612er Baureihe fuhr ich dann wieder durch den Brandleitetunnel nach Erfurt. Von dort ging es mit Abellio weiter nach Halle und von dort mit der S-Bahn nach Leipzig. Ankunft war kurz vor 19:00 Uhr. Die Rückreise war irgendwie anstrengender als die ganze vorherige Wanderung.

Schleusingen: Schloss Bertholdsburg

Ausrüstung

Camp: das mitgenommene 3x3m Bearhard-Tarp habe ich eigentlich nur als zusätzlichen Windschutz benutzt, da ich nur in Schutzhütten übernachtet habe. Dort wenn es ging auf den Bänken, aber auch auf dem Kiesboden. Mit den eisigen Fingern am Morgen war das Tarp sehr schwer zusammenzulegen. Es ist sehr dick, da es eine spezielle Thermoschicht hat.

Schlafen: Der Schlafsack Norskskin Taiga war, nach einigen Umbauten (Riemen umgelegt) und mit Zusatzteilen (Wollmütze und -schal, Skimaske) und im Rahmen seiner Möglichkeiten ganz okay. Ich würde ihn aber niemanden für den Winter mit Minusgraden empfehlen, da gibt es besseres. Ich habe ihn trotzdem liebevoll Taigatrommel getauft. Bei sehr tiefen Temperaturen ist es eine gute Idee eine Flasche mit heißem Wasser mit in den Schlafsack zu nehmen. Die IsoMatte hat die letzte Übernachtung nicht überlebt, die Geertop Zeltplane zum Drunterlegen war okay.

Schutzhütte am Rennsteig

Kochen: Der Spirituskocher hat sich nicht bewährt. Zuviel Spritverbrauch, weil der Kocher erst anheizen musste und auch zuwenig Leistung brachte. Dabei war auch schon das Anzünden bei -7.5°C ein Problem. Der AWR-Outdoor Gaskocher mit Piezozündung und das Primus Wintergas waren sehr gut. Bei -6°C ohne Probleme anbekommen und hohe Leistung. Die Titan-Topf-Tasse von OUTXE für 500ml Wasser ist schon sehr schwarz. Die Thermosflasche für 500ml Getränk war gut für den Kaffee unterwegs. Leider war sie frostempfindlich und wurde undicht. Aber es war eine gute Idee, da man unterwegs schnell was Heißes trinken konnte.

Essen: Letztendlich macht man sich Tüten mit Trockenessen für 500 ml Wasser (soviel passt in meine Topf-Tasse). Das Frühstück besteht aus Milchpulver, Haferflocken, ein paar Nüssen und Rosinen. Alles wird einfach ins heiße Wasser gekippt und umgerührt. Das Abendessen besteht aus Wurzner Kurzkochreis (5 Minuten), einer Tütensuppe, Salz und Gewürzen. Diese Mischung wird ungefähr eine Minute gekocht, dann kommt einfach der Deckel drauf und nach fünf Minuten ist alles fertig. Ich habe ein einfaches Camping-Klappbesteck. Ansonsten gab es Nüsse und Riegel.

Trinken: Den Wasserfilter habe ich für umsonst mitgenommen, er kam eigentlich nur einmal zum Einsatz. Ich bin mehrmals auf Quellen gestossen, ansonsten habe ich immer Schnee geschmolzen. Ich hatte ein paar Teebeutel mit. Meine eigene Kaffee-Milchpulver-Mischung klumpte zu sehr, Jacobs 2in1 war recht gut – zwei Beutel pro Thermoskanne. Ich hatte noch ein paar Packungen mit zerquetschtem Obst mit.

Wegweiser am Rennsteig

Hygiene und Erste Hilfe: Ich hatte feuchte Waschlappen aus der Drogerie dabei, ein kleines Microfaserhandtuch, Zahncreme in einer Probierpackung, eine abgesägte Zahnbürste, Wilderness Wash – ein biologisch abbaubares Waschmittel für Mensch und Wäsche, Handcreme und Duschgel. Ein kleines Erste-Hilfe-Pack aus dem Laden, aufgerüstet mit Blasenpflaster, Hirschtalg und Fußpuder. Die Zahnbürste ist nur abgesägt, damit sie in die Waschtasche passt, nicht aus Gewichtsgründen.

Die Winterstiefel von Pastaza sind über Nacht eingefroren, waren aber sonst dem Schnee gewachsen. Schnee ist nicht in die Schuhe gekommen, da die Skihose von BenBoy da gut drüber passte. Die Hose kaufte ich zwei Nummern größer, damit sie noch über die Nieren ging. Es sah sicher lustig aus. Die Winterjacke von Gemyse war auch ein guter Kauf. Beides absolut wind- und wasserdicht. Da ich nur eine Außenschicht mithatte, zog ich meist am ersten Tag nur ein T-Shirt drunter, am zweiten Tag einen Pullover und am dritten Tag beides.

Die Winterhandschuhe von Ozero waren sehr schön warm, haben sich aber an einem Nebel/Schneeregen-Tag mit Wasser vollgesaugt und sind dann Nachts gefroren. Das würde ich nicht nochmal kaufen. Die Arbeitshandschuhe für „Waldarbeiten“ und Tarp-Aufbau waren nicht wintergeignet und wurden durch HPHST ersetzt. Das sind finnische oel- und wasserdichte Thermo-Winterarbeitshandschuhe. 10 Euro – sehr guter Kauf. Die Funktionsunterwäsche habe ich nur einmal in der Nacht angezogen, beim Wandern wäre das alles zu warm geworden.

Am Rennsteig

Wie es mit der Rennsteig-Wanderung weitergeht ist noch nicht klar, ich habe erst wieder Ende April Urlaub…

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